Dynamische Arbeitsblätter sind digitale Unterrichtsmaterialien, die neben Informationstexten, Aufgabenstellungen und Abbildungen dynamische Elemente beinhalten. In der Mathematik sind diese Materialien bereits weit verbreitet. Dort werden Geometrie-Applets in HTML-Seiten eingebunden. Das "biologisch-chemische Pendant" zur dynamischen Geometriesoftware ist der Molekülbetrachter Jmol (plattformunabhängig, Open Source). Moleküle können am Monitor "mit der Maus angefasst", gedreht und gewendet und so interaktiv und dreidimensional erforscht werden. Zahlreiche Parameter der Moleküldarstellung können individuell geändert oder chemische Eigenschaften - ganz nach dem persönlichen "Forschungsinteresse" - dargestellt werden. Im Bereich Fachmedien des Chemie-Portals finden Sie weitere Informationen und Links zu Jmol.
Im Internet stehen umfangreiche Moleküldatenbanken mit Datensätzen - vom simplen Kohlenmonoxid bis hin zu komplexen Proteinstrukturen - zur Verfügung, die mit Jmol visualisierbar sind. Sie machen geometrische, chemische und biologische Eigenschaften von Molekülen im Browser "begreifbar". Das Problem dabei ist, dass die Applets meist als eigenständige Anwendungen über das komplexe Jmol-Menü gesteuert werden müssen. Abb. 1 (Platzhalter bitte anklicken) zeigt ein Aspirin-Molekül mit aufgeklapptem Jmol-Menü. Die Vielzahl der Optionen sowie die englischsprachige Menüführung überfordern viele Lehrkräfte und insbesondere Lernende. Ist man im Umgang mit Jmol nicht sehr versiert, "klickt man herum" und "verzettelt" sich schnell. Solche "nackten" Applets sind daher allenfalls für die Präsentation per Beamer durch die Lehrperson geeignet, nicht jedoch für die selbstständige und effektive Bearbeitung durch Schülerinnen und Schüler.
Um das große didaktische Potenzial von Jmol dem Unterricht und der selbstständigen Schülerarbeit zu Gute kommen zu lassen, wurde im Rahmen der Fachcommunity 3D-Moleküle im Projekt Naturwissenschaften entdecken! ein Format für dynamische Arbeitsblätter entwickelt und umgesetzt. Abb. 2 zeigt einen Screenshot aus einem Arbeitsblatt der Unterrichtseinheit zur ATP-Synthase. Dabei wurden bewährte Konzepte aufgegriffen, die am Institut für Mathematik und ihre Didaktik der Universität Bayreuth entwickelt wurden:
Eigenständiges Lernen fördernDynamische Arbeitsblätter mit 3D-Molekülen erlauben eine eigenständige und intuitive Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit der Struktur und - im Fall von Biomolekülen - der Funktion der untersuchten Substanzen. Im Rahmen der Schulzeitverkürzung nimmt das Selbstlernen einen immer höheren Stellenwert ein. Der Bedarf an geeigneten Medien steigt. Alternativ zur Bearbeitung im Regelunterricht können die Lernenden die Materialien in schulischen Selbstlernzentren, aber auch zu Hause nutzen. Dynamische Arbeitsblätter sind somit eine wichtiges Medium zur geforderten Förderung des eigenständigen Lernens.
Das Problem mit der räumlichen VorstellungInsbesondere Schülerinnen und Schüler mit einem weniger ausgeprägten räumlichen Vorstellungsvermögen haben Probleme, wenn es darum geht, sich Strukturen aus zweidimensionalen Abbildungen oder den Fischer-Projektionen eines klassischen Tafelbildes zu erschließen. Dynamische Arbeitsblätter mit 3D-Molekülen entschärfen Schwächen im räumlichen Vorstellungsvermögen und ermöglichen "selbstständige Entdeckungsreisen". Die Möglichkeit, digitale Molekülmodelle am Bildschirm beliebig drehen und wenden zu können, den Grad der Übersichtlichkeit durch Ausblenden oder Hervorheben bestimmter Strukturelemente zu variieren, erleichtert den Schülerinnen und Schülern das "räumliche Lesen" komplexer Strukturen enorm.
Dr. Matthias Nolte studierte an der Universität zu Köln Biologie und Chemie auf Lehramt (Sek I und II) und promovierte 2005 in Anorganischer Chemie. Seit Sommer 2007 unterrichtet er Biologie, Chemie und Physik an der Erzbischöflichen Marienschule in Leverkusen-Opladen.
Dr. André Diesel ist Diplom-Biologe und Fachredakteur für Naturwissenschaften, Mathematik und Geographie bei Lehrer-Online.
3D-Moleküle